Gregor Beyer
Stiefgroßonkel Hans

Mein Stiefgroßonkel Hans „Jean“

Was mich zu meinem diesjährigen Geburtstag ganz besonders gefreut hat, war ein älterer Zeitungsartikel aus einer Kreuznacher Tageszeitung, der das offenbar bewegte Leben meines Stiefgroßonkels Hans „Jean“ Ernst beschreibt. Unter anderem auch deshalb, weil er eine schöne Anekdote beinhaltet, die mich über unseren Nachhaltigkeitsbegriff nachzudenken angeregt hat: „Ein guter Schuss vereitelte das Vorhaben des Seehundes. Seine Leber wurde gleich an Bord gebraten, das Fleisch gab Schmiere für die Seestiefel und das Fell hielt her zu einem neuen Schulranzen für den ABC-Schützen des Skippers“. Manche Dinge sind ganz einfach und zutiefst logisch, ganz besonders dann, wenn sie sich aus einer Notwendigkeit heraus ergeben. Eigentlich ist Nachhaltigkeit nichts anderes als ein direkter Ausfluss aus einer Notwendigkeit! Actio gleich Reaktion; eine essenzielle Notwendigkeit, wie die Ernährung, führt unweigerlich zu einer logischen Reaktion.


Was wir heute daraus gemacht haben ist eher ein Gesellschaftshype, der viel mit spätrömischer Dekadenz und wenig mit Notwendigkeit zu tun hat. Ich frage mich, ob Verschwendungsgesellschaften wie die unsere, die Wachstum primär aus der Illusion der Möglichkeit der unbegrenzten Befriedigung von Bedürfnissen generieren, von denen wenige wirklich essenziell notwendig sind, überhaupt nachhaltig handeln können. Viele unserer hochintellektuellen Runden und Sit-ins wirken wie die Aufrechterhaltung eines Schneeballsystems, bei dem niemand Stopp ruft, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass es wieder Zeit für ein paar Jahr auf dem Fischkutter wird. Wahrscheinlich ist eben doch der Mangel die Treibfeder allen nachhaltigen Handelns. Wir werden sehen, ob aus Saturiertheit wirklich Nachhaltigkeit erwachsen kann. Und wir werden sehen, ob es dann noch genügend Fischkutter gibt, die in der Nordsee bis zur Doggerbank auslaufen können.


Weihnachten an Bord

Ein alter Kreuznacher Sailor erinnert sich
von Herbert Herse

Mast und Wanten glitzernten eisbedeckt wie ein großer Christbaum, das Deck war glatt wie ein Spiegel und Rasmus (der Wind) wirbelte Schneeflocken durcheinander. Unter Deck aber wimmerte eine Mundharmonika das Lied von der Heiligen Nacht. So beginnen die Erinnerungen des Bad Kreuznacher Seemanns Jean Ernst (74) um ein Weihnachtsfest an Bord des Segelschulschiffs „Großherzog Friedrich August“ (von Oldenburg), einer Dreimastbark.


Obwohl in Bad Kreuznach geboren, gehört Jean Ernst zu den letzten Seeleuten aus jenen Zeiten, in denen auf hölzernen Schiffen eiserne Männer herangezogen wurden.

„Seebeine“ erwarb sich von den drei Gebrüdern Ernst nur der jüngere. Hier rechts im Bild mit dem Mützenband des Segelschulschiffes „Großherzog Friedrich August“. Seine Brüder dienten bei berittenen Truppen und trugen daher Bootshaken (Sporen) an den Reitstiefeln.
Foto: Karl Sawatzki


Am Tag vor dem Heiligen Abend des Jahres 1916, den Jean Ernst zwar an Bord, aber auf der Reede vor Kiel-Düsternbrook erlebte, war er bei einem Bootsmanöver (Rettungsübung) noch außenbords gegangen und hatte so Recht unfreiwillig Bekanntschaft mit den eisigen Fluten der Ostsee gemacht.


Nicht allein deshalb hat er den Heiligen Abend 1916 umso wärmer in Erinnerung. An diesem Abend ging der Alte, ein Korvettenkapitän, als Weihnachtsmann von Backschaft zu Backschaft und verteilte kleine Festgaben. Über die Weihnachtsgaben des Käpt´ns freute sich Jungmann Jean Ernst an diesem Heiligabend am meisten, denn in seinem Päckchen von Daheim hatte es ein Malheur gegeben. Mit Süßigkeiten und Weihnachtsgebäck war auch ein Päckchen Seifenpulver geschickt worden. Damit sollte der Jeanmaat seine Montur properhalten. Das Seifenpulver aber hatte auf dem Transport die nicht recht haltbare Verpackung gesprengt und so die süßen, aber auch die würzigen Weihnachtsgaben aus der Heimat ungenießbar gemacht.

Aber mit den kleinen Aufmerksamkeiten des Skippers war es an diesem Weihnachtsabend allein noch nicht getan. Es gab sogar Frischfleisch und anstatt des fast steinharten Schiffszuwachs ein etwas weicheres Gepäck. Für den Festbraten hatten zwei Boardkameraden aus der Rasse des Borstenviehs ihr Leben gelassen
Nach einem solchen Weihnachtsfest ließ sich der Alltag an Bord (mit der Rückgewöhnung an wenig geliebtes Salzfleisch) wieder etwas leichter ertragen.


Da machte es auch kaum etwas aus, wenn man beim Segelmanöver fast bis in die höchste Mastspitze (54 m) aufentern musste und sich an den vereisten Wanten (strickleiterartige Takelung, die den Masten als stützende Verspannung dient) die Handflächen und Fingerkuppen blutig riss.
Mit Musikdampfern, Steamern, Trawlern und „Dickschiffen“ hatte Jean Ernst, der später das „Kleine Patent“ erwarb, nicht viel im Sinn.
Und doch musste er gleich sein Testament machen, als er zur Besatzung des kleinen Kreuzes „Königsberg“ gehörte, die den Siegermächten dieses Schiffes nach dem Ende des ersten Weltkrieges im englischen Flottenstützpunkt Scapa Flow ausliefern sollte. Das Testament war für die Seesoldaten Vorschrift, weil die die Reste der einst so stattlichen kaiserlichen Flotte aus Protest gegen die Bedingungen des Friedensvertrages von Versailles in Scapa Flow mit fliegenden Fahnen untergehen lassen, d. h. von den Mannschaften selbst versenkt, werden sollten.


Jean Ernst bestand dieses Abenteuer in der Welt der Dampfschifffahrt und wandte sich dann der Hochseefischerei zu. In Hamburg-Finkenwerder heuerte er auf dem Kutter des Fischers Hustedt an. Gegen eine Heuer von 12 Prozent des Fangs lief er, allein mit seinem Skipper an Bord, in die Nordsee bis zur Doggerbank aus. Man fischte unter anderem Schollen und Butt, gab sich aber auch mit Stint zufrieden.

Nur vier Hände an Bord eines Kutters, der keinen Hilfsmotor hatte und daher fachmännisch gesegelt werden musste, da konnte „Jan“, wie ihn sein Skipper zurufen pflegte, zeigen, was er vor und auf dem Mast des Segelschulschiffes gelernt hatte. Auf Fangen mussten nicht nur die Segelmanöver von Hand ausgeführt werden, auch das Netz wurde Hand über Hand eingeholt. Wenn der Winter die Kutterfischerei lahmlegte, dann heuerte „Jan“ Ernst auf einem Eisbrecher an, der die Fahrrinne der Elbe von Hamburg bis Cuxhaven für die Passagier- und Frachtschifffahrt freizuhalten hatte. Der Törn ging dabei meist bis zum Feuerschiff Elbe I, dessen Besatzung kurz vor Weihnachten 1921 die Crew des Eisbrechers mit Festgaben und einem Christbaum versorgen musste.

Die Liebe zur Fischerei hat sich Jean Ernst bis in die Gegenwart erhalten. Er ist Mitbegründer des Angelsportvereins Münster-Sarmsheim und Mitglied des Angelsportvereins „Nahe“ Bad Kreuznach. Wenn er nun – so oft es ihm Zeit und Gesundheit erlauben – am Ufer der Nahe auf Schuppenwild weidwerkt, dann denkt er manchmal an ein Jagdabenteuer auf See.
Als er mit seinem Skipper einmal vor der schleswig-holsteinischen Westküste gerade das Netz ausgeworfen hatte und wieder am Ruder stand, rief der Eigener des Fischkutters: Jan, do is een Hund achtert Gorn!“ Auf gut Deutsch: „Jan, es ist ein Seehund hinter dem Stellnetz!“


Das Ruder loslassen und zur Büchse greifen war für Jan fast eins, denn die Seehunde holten sich nicht nur ihren Teil vom Fang, sondern richteten auch großen Schaden an den Netzen an. Ein guter Schuss vereitelte das Vorhaben des Seehundes. Seine Leber wurde gleich an Bord gebraten, das Fleisch gab Schmiere für die Seestiefel und das Fell hielt her zu einem neuen Schulranzen für den ABC-Schützen des Skippers.


Der Artikel ist vermutlich im „Öffentlichen Anzeiger“ Bad Kreuznach in den 70ger Jahren erschienen.